„It’s a security feature!“

Es gibt da ja so schöne Unternehmen, überwiegend diese digitalen. Die wollen dann immer schon deine Freunde sein, bevor du überhaupt weißt, was eigentlich Sache ist. Ein Klick, schon bist du befreundet mit dem besten Kundensupport, den allerbesten Produktherstellern und den Superrockstarkonsumhelden. Manche Unternehmen tragen die soziale Übergriffigkeit ja schon im Namen, so wie Zahlkumpel etwa. Zahlkumpel macht so Sachen mit Geld, da erwarte ich keine Seriosität, wieso auch? Freunde zu sein, das reicht schon. Ist viel besser als ordentliche Prozesse. Und wenn ich anrufe, dann sind wir so gute Freunde, dass ich zehn Minuten durch eine belehrende Roboteransagemaschinerie muss, die von Beginn an ausstrahlt, wie persönlich ernstgenommen ich mich fühlen darf. Weil wir Freunde sind.

Nach zwanzig Minuten in einer schlechten Leitung mit Musik, die auch noch andauernd abgehackt wird, meldet sich dann tatsächlich eine Freundin am Telefon und fragt dann erst einmal alles ab, was ich schon umständlich ins Telefon hacken durfte, um die erste Hürde zu überwinden. Meine Geduld ist am Ende, aber ich muss ja freundlich bleiben, schließlich sind wir dicke miteinander.

„Ja, hallo. Ich bin gerade, ehrlich gesagt, etwas geladen. Weil ich über die App eine Zahlung angewiesen habe.“

„Okay, was ist damit?“

„Die würde ich jetzt gerne zurücknehmen. Mir wurde eine E-Mail-Adresse mit Tippfehler gegeben. An die habe ich leider überwiesen. Aber das kann ich in der App nicht.“

„Ja, das ist doch kein Problem.“

„Ich sehe da schon eines, wenn ich ehrlich bin. Ich kann es ja nicht zurücknehmen.“

„Doch. Die Mail ist ja falsch. Das sehe ich ja. Daher würde es eh zurückgebucht.“

„Schön, dass Sie das wissen. Ich wüsste es aber auch gern.“

„Stornieren ist auf der Webseite möglich.“

„Okay, wenn ich aber in der App überweisen kann, dann will ich in der App aber auch stornieren können. Oder zumindest einen Hinweis erhalten.“

„Das ist aber nicht möglich. Andersrum muss man das sehen. Es wäre doch unsicher, wenn Sie in der App stornieren könnten.“

„Wie? So unsicher wie das Überweisen per App? Das verstehe ich echt nicht.“

„…“

„Ich meine, wenn ich überweisen kann, sollte ich stornieren können. Oder bei falschen Kontodaten der Auftrag gar nicht erst angenommen werden können. Oder mir wird gesagt, wo ich stornieren kann. Aber da herrscht in der App gähnende Leere. Das ist doch erst mal meine Anlaufstelle, da habe ich ja auch Minuten zuvor überwiesen.“

„Also, Sie können auf jeden Fall auf der Webseite stornieren. Das ist sicherer.“

„Okay, da kann ich dann auch meinen Account auflösen?“

„…“

„Schönen Tag noch.“

„Schönen Tag.“

Selbstverständlich weiß ich genau, dass ich vielleicht nicht der angenehmste Gesprächspartner in der Warteschleife war. Mich stört aber gerade die mangelnde Nachdenklichkeit auf Seiten meiner so genannten Freunde. Der Spaß hört aber dort auf, wo ich einfach nur Seriosität erwarten darf. Oder zumindest transparente Kommunikation. Aber egal, ich konnte mir immerhin schon denken, dass ich mein Konto nicht per App auflösen kann. Wir sind halt keine Freunde. Waren wir nicht, werden wir auch so schnell nicht mehr. Hätten ja gut Geschäfte machen können, aber heute wollen die Unternehmen ja mehr.

Atze Schröders Heuchlerei

Update: Es gibt ein Statement des Künstlers, der sein Bedauern zum Ausdruck bringt, dass der Spot, der vor einem Jahr gedreht worden sein soll, überhaupt veröffentlicht wurde. Im Kontext dieses Artikels bleiben zwei Dinge wichtig: 1. In keinster Weise wird auch nur angedeutet, es könnte nicht Lohfink gemeint sein. 2. Das Alter des Spots ist nicht das Problem, sondern seine Existenz an sich. Das Video mit Lohfink war zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt, der Spot, wie der Künstler selbst schreibt, hätte niemals veröffentlicht werden dürfen. Ende des Updates

Es ist nur eine Randnotiz in einem ohnehin schon äußerst geschmacklosen Fall fehlgeleiteten Humors in der trostlosen Wüste deutscher Werbung. Dafür ist es nicht uninteressant, dass der Fall Atze Schröders, der in einem mittlerweile nicht mehr verfügbaren kommerziell werbenden Video für einen selbst bestenfalls umstrittenen Geflügelfleischhersteller folgendes von sich gibt:

Danach müssen Gina und Lisa erstmal in die Traumatherapie.

In dem bereits vor drei Monaten erschienen Video ist klar, auf wen angespielt wird: Gina-Lisa Lohfink. Lohfink wehrt sich gerade gegen ein Verfahren der Falschverdächtigung in einem Fall der mutmaßlichen Vergewaltigung. Der Fall schlägt seit Wochen Volten juristischer Lächerlichkeit und ist ein trauriges Beispiel deutschen Rechts für sich.

Der Satz fiel zu einer Zeit, in der Lohfinks Verfahren hinlänglich bekannt gewesen sein musste. Also dient die Zeit seit Veröffentlichung des Videos auch nicht als Feigenblatt für die Verantwortlichen. Zumal: Der Satz wäre auch ohne diesen Kontext eine widerliche Aussage. Alles, nur nicht Humor. So weit, so traurig. Doch dürfte dies jene kaum verwundern, die seit Jahren erleben, mit welcher Verve der Künstler allgemeine deutsche Arschigkeit zur Kunstfigur erhoben hat, über die Menschen nicht wegen ihrer Widerlichkeit, sondern mit ihr lachen.

Kunstfigur? Damit sind wir der Pudelperückes Kern näher. Atze Schröder ist eine Kunstfigur, worunter durchaus verstanden werden kann, dass der Künstler hinter der Figur seine Verantwortung zu verstecken sucht. In diesem Fall wird dies aber perfide. Denn die Causa Lohfink berührt auch die Persönlichkeitsrechte Lohfinks, da sie gerade auch darunter zu leiden hat, dass es in ihrem Fall auch um ein Video von ihr geht, das dazu noch der Presse gegen Geld angeboten wurde und dann lange Zeit frei im Netz verfügbar war.

Warum ist das perfide? Nun, der Mensch hinter Atze Schröder ist notorisch bekannt dafür, seine Anonymität gewahrt wissen zu wollen. Durchaus berechtigt könnte eins erst einmal meinen. Der Mensch hinter der Kunstfigur ist auch bekannt dafür, gegen jegliche Nennung seines Namens juristisch vorzugehen. In der Pressemitteilung von 2007 zu einem dieser Verfahren heißt es:

Die Richter kamen nach der mündlichen Verhandlung zu dem Ergebnis, dass dem Antragsteller ein Unterlassungsanspruch zusteht, weil das Geheimhaltungsinteresse des Künstlers in diesem Fall gewichtiger sei als das Informationsinteresse der Öffentlichkeit. Die Veröffentlichung des bürgerlichen Namens des Schauspielers verletze dessen berechtigtes Interesse an der Wahrung seiner Anonymität außerhalb seines beruflichen Wirkens. Bei der Nennung des Namens der hinter der Kunstfigur stehenden Privatperson handele es sich um eine „Enttarnung“, die der Antragsteller nicht hinnehmen müsse.

Zusammengefasst sieht es also so aus: Ein Künstler, der massives Interesse am Schutz seiner Privatsphäre gezeigt hat, wirft unter dem Deckmantel seiner Kunstfigur für einen in jeder Hinsicht widerlichen Witz, was seinem üblichem modus operandi entspricht, einen echten Menschen unter den medialen Bus. Er macht dies noch nicht einmal im Rahmen seines üblichen Broterwerbs als Comedian, sondern als Werbefigur. Es ist nicht anzunehmen, dass für die Werbung geflossene Gelder für diesen kaum vehohlenen öffentlichen Pranger nur bei Atze Schröder ankamen, nicht aber bei dem Künstler hinter der Fratze. Das Konto, auf das der Witz buchstäblich ging, ist womöglich ein sehr reales. Damit ist eine Zündstufe der Widerlichkeit erreicht, die selbst für den Machokosmos Atze Schröder neu ist. Da versteckt sich ein feiger Mensch hinter einer Kunstfigur, um einen anderen Menschen für bare Münze weiter in den medialen Dreck zu ziehen. Werbung ist in diesem Kontext keine schützenswerte Kunstform. Zumindest moralisch hat Atze Schröder sein Recht verwirkt, nur unter diesem Namen bekannt zu sein.

Nutzerschaftsbeschimpfung

Ranty McRant hier, vielleicht auch die einzige Person, die gerade die Ohrfeige nicht mitbekommen hat, die der Chief Product Office von Netflix in Sachen Offline-Modus für Videos ausgeteilt haben soll:

Undoubtedly it adds considerable complexity to your life with Amazon Prime – you have to remember that you want to download this thing. It’s not going to be instant, you have to have the right storage on your device, you have to manage it, and I’m just not sure people are actually that compelled to do that, and that it’s worth providing that level of complexity.

In diesem Fall soll es Menschen, die smarte Telephone bedienen, durchaus auch Verantwortung in ihren Jobs übernehmen oder auch ansonsten in der Lage sind, sich Dinge zu überlegen und merken von der Komplexität einer einfach Option zum Download überfordert sein. Sollte die Aussage stimmen, muss erwidert werden, dass diese Annahme tatsächlich nur von einem Unternehmen kommen kann, dass seinen durchaus ordentlichen Inhalt in der unsäglichsten Anwendungsoberfläche nach der Erfindung der Ananas präsentiert. Also durchaus schlüssig, dass man Menschen lieber für dumm hält, als an die eigenen Designfähigkeiten zu glauben. Es ist aber ohnehin zu befürchten, dass dort nur ungeschickt vertragliche Rahmenbedingungen kaschiert werden sollen, die einen Offline-Modus verbieten. Aber dann muss es ja nicht gleich in Publikumsbeschimpfung ausarten.

You Go Girl

Dicht gedrängt stehen die Menschen in der Ringbahn, schwitzen sich hemmungslos an. Die schlechte Laune schneidet die heiße Sommerhitze im Waggon. Die Stehenden blicken neidisch auf die Sitzenden, alles scheint erstarrt. Wer etwas Lebendiges sehen will, blickt auf ein kleines Mädchen, das feixend einen der begehrten Sitzplätze neben ihrer Mutter eingenommen hat. Sie lässt ihre Beine baumeln und ist mit Neugier und Spieltrieb geladen.

Die Kleine zurrt und zerrt an ihrem Sommerkleidchen und strahlt mit großen Augen in die leer starrenden Augenhöhlen der Pendler, sie summt, sie lacht, sie strahlt. Alle im Zug fürchten jede Bewegung, die Kleine aber ist voller Energie, als hätte sie irgendwo ein hitzebetriebenes Kraftwerk, das sie gerade antreibt. Ihre Mutter kann die Kleine, die kaum älter als sechs ist, nicht beruhigen. Der Mutter ist anzumerken, dass die Kleine ihr unangenehm wird. In einem Zug voll Griesgrämiger ist kindliche Laune die schlimmste Tortur, das scheint die Mutter zu ahnen, also beugt sie sich in regelmäßigen Abständen zur Tochter herunter, flüstert ihr ins Ohr. Die Kleine giggelt, hält kurz inne, dreht dann wieder auf. Sie kann nicht stillhalten, auch nicht wenn ihre Mutter die Hand beruhigend auf ihre Beine legt, wenn die Kleine auf den Sitz zu springen droht. Es gibt kein Halten für die Kleine.

Allen im Zug steht der Schweiß auf der Stirn, die Kleine aber dreht auf. Augen rollen, es wird geseufzt, die Kleine stört das nicht. Sie ist ein quicklebendiger Mensch in einem Zug der After-Work-Zombies. Als die Kleine wieder laut vor sich hin plappert, schnappt die Mutter die Kleine und redet ihr zischend ins Gewissen. Die großen Augen der Kleinen verengen sich, ihr wird der Ernst der Lage klar. Stumm bleibt sie eine Minute sitzen und schaut zum Fenster raus. Dann stößt sie einen Schrei aus, mit zur Decke des Waggons gereckten Armen springt sie auf, sie steht auf dem Sitz, mit  wild funkelnden Augen wartet sie, bis ihre Arme in Kampfhaltung gegenüber ihrer Mutter eingerastet sind, die Fäuste geballt. Die Mutter sieht ihre Tochter wortlos an, alle anderen Augen sind ebenfalls auf die Kleine gerichtet. Die lacht nur, zieht herausfordernd ihre linke Augenbraue hoch und ruft: „Auffe Fresse!“

Tödliche Narzissten

Narzissmus muss für viele Übel der Welt herhalten. Narzissten treiben, so heißt es, die Armut voran, indem sie rücksichtslos als ManagerWeltwirtschaft zum eigenen Vorteil lenken, Narzissten sind auch die Mörder, die keine Form der Gewalt zur eigenen Bedürfnisbefriedigung scheuen. Der Narzissmus ist nicht nur übel, er ist ein Übel an sich, das es zu bekämpfen gilt. In ihrem Artikel Narcissism and terrorism: how the personality disorder leads to deadly violence betrachtet Anne Manne den Narzissmus als Antrieb für politischen Extremismus1, Radikalisierung, Fundamentalismus und Terrorismus. Manne deutet das bei laxer Verwendung des Narzissmusbegriffs widersprüchlich erscheinende Verhalten der von ihr genannten Islamisten an, sich einer höheren Sache zu verschreiben oder gar andere Persönlichkeiten zu verehren, obwohl sie der Definition nach sich selbst zum Maßstab der Welt erklären. Es bleibt aber bei dieser Andeutung, da Manne in der Kürze des Texts Aspekte ausblendet, die überhaupt erst verständlich machen, warum der Narzissmus dazu in der Lage ist, Menschen zu Unmenschlichem anzutreiben, wie moderne Gesellschaften den Narzissmus implizit oder sogar explizit fördern und was wir daraus lernen können.

Pathologische Vereinfachung

Manne zieht es vor, ihren Text plastisch an einem Beispiel zu beginnen, lässt dabei aber offen, was der Narzissmus nun sei, was ihn zur Persönlichkeitsstörung mache. Erst nach einer längeren Erzählung über die Stationen eines tödlich agierenden Narzissten liefert Manne eine Minimaldefinition des Narzissmus als Persönlichkeitsstörung:

Narcissistic personality disorder involves a pervasive grandiosity, an extreme desire for attention, a sense of entitlement, a willingness to exploit or mistreat others, an excessive need for admiration and a lack of empathy. Yet narcissists can be fragile too and prone to outbursts of humiliated rage. Their grandiose self-beliefs are built on foundations as solid as quicksand, hence the need for constant admiration and attention, shoring up their unstable sense of self.

Auf kurzem Raum beschreibt Manne die minimalen Voraussetzungen dessen, was sie im weiteren Verlauf als Narzissmus versteht, aber weder sie selbst noch der verlinkte, vermeintlich erklärende Text ordnen ein, was die narzisstische Persönlichkeitsstörung vom landläufigen Narzissmus unterscheidet. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine pathologische Klasse in der Psychologie, die nur eine der beispielsweise im ICD-10 erfassten Persönlichkeitsstörungen ist. Manne verweist auf die Gefährlichkeit, die der narzisstischen Persönlichkeitsstörung innewohnen kann, blendet aber aus, dass die Diagnose nicht zu verhehrenden Ergebnissen führen muss, meist die Persönlichkeitsstörungen primär für die Betroffenen starkes Leiden bedeuten. Auch wenn die narzisstische Persönlichkeitsstörung ihrem Wesen nach etwas anders gelagert ist, was den Leidensdruck angeht, da die narzisstische Persönlichkeit gerade mit Selbstüberhöhung einhergeht, sind es belastende und vor allem für die Betroffenen schädigende Persönlichkeitsstrukturen.

Diese Unterscheidung ist wichtig, da der Narzissmus sonst lediglich ein Vorwurf bleibt, der eine Distanz zu Tätern aufbauen soll, aber keinerlei Beitrag zum Verständnis und der Besserung der Situation leistet. Manne, wie es oft der Fall ist, wenn über psychische Erkrankungen geschrieben wird, mit dem Finger auf einen normabweichenden psychischen Zustand zu zeigen, ohne aber die nötigen Schlüsse daraus zu ziehen. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine krankhafte psychische Konstellation, sie lediglich zu benennen hat kaum Wert für den öffentlichen Diskurs über individuelle Gewalttaten.

Narrative Vereinfachung

Ohne es zu merken, verstärkt Manne einen narrativen Effekt, der jede Berichterstattung über die narzisstische Persönlichkeitsstörung oder nach ihr definierte Narzissten zu einem Minenfeld macht. Bereits die anekdotische Eröffnung ihres Textes zeigt die Schwäche auf, über Menschen zu schreiben, die nach Ruhm, Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit streben, um die eigene Größe zu bestätigen. Über sie zu schreiben, ihre Taten zu schildern, die außergewöhnliche Rücksichtslosigkeit und Brutalität zu thematisieren, bestätigen im öffentlichen Raum erst die krankhaften Annahmen der narzisstischen Personen. Ihr Ego wird durch die bestenfalls einzigartige Gewalt erst validiert. Daher ist problematisch, einen solchen Text mit personalisierten Beispielen zu spicken, es spielt den Narzissten narrativ in die Karten.

Die Individualisierung der Taten narzisstisch angetriebener Menschen ist Teil des eigentlichen Problems, das Manne aber auch nur andeutet. Auch wenn narzisstische Persönlichkeitsstörungen vielfältige und bislang nicht endgültig geklärte Ursachen haben, können sie nach gängiger Meinung gesellschaftlich gefördert oder immerhin nicht effektiv abgefangen werden. Der Einfluss der sozialen Mechanismen spielt also durchaus eine Rolle, also müssen gerade auch diese Mechanismen geprüft und hinterfragt werden. Doch in diesem Text entsteht die leider übliche Schere zwischen Individuum und Gesellschaft, die oft einer Lösung der Probleme im Weg steht. Das normabweichende Verhalten wird individualisiert, die Last bleibt auf den Schultern der Narzissten liegen, dabei dürfte schon auffallen, dass diese gesellschaftliche Zurückweisung faktisch genau die Einzigartigkeit schafft, die Narzissten intuitiv als Bestätigung erleben müssen. Eine gesellschaftliche Problemlösung wird gar nicht erst diskutiert, denn das Individuum müsse sich korrigieren.

Gesellschaftliche Heilung

Aber genau an dieser Stelle müsste angesetzt werden, die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine krankhafte Störung, damit ist die Verantwortung nicht bloß auf die betroffene Person abzuwälzen. Gerade dann auch nicht, wenn es Teil der Krankheit ist, sich gar nicht als krank zu erkennen. Der Narzisst wird von sich denken, dass er gut ist, so wie er ist. Ein narzisstischer Mensch wird also von sich aus kaum auf die Idee kommen, sich therapieren zu lassen. Daraus folgt dann aber nicht, dass dieser Person nicht geholfen werden müsse. Im Gegenteil wird daraus ein gesellschaftlicher Imperativ, dieses Verhalten konstruktiv für das Individuum und die Gesellschaft zu therapieren. Das fängt damit an, den Narzissmus nicht durch die individualisierte Berichterstattung zu validieren, ebenso gehört dazu, die eigenen Mechanismen der Gesellschaft zu hinterfragen, die beispielsweise nicht-tödlichen Narzissmus fördern und es wird nötig sein, die therapeutischen Mittel zur Erkennung und Therapie zu entwickeln. Der moralische Fingerzeig nutzt nicht, wenn er auf kranke Menschen zeigt.

1 Der Begriff Extremismus ist problematisch und wird hier nur als Kürzel verwendet, dass es auch ein politischer Kampfbegriff ist, soll nicht komplett ausgeblendet werden.

Wahrscheinlichkeit

Wer in diesem Internet hat denn die Ahnung, mir zu sagen, ob ich noch Lotto spielen sollte oder nicht? Der Grund ist, dass heute nach über dreieinhalb Jahrzehnten auf diesem Planeten zum ersten Mal die Ergebnisse einer Vogelverdauung auf meinem Schädel landeten. Das ist alles nicht so schlimm, da die Zeit mich doch zu einigem Verlust an Haupthaar führte, sodass es eine relativ einfache Reinigung des kahl geschorenen Schädels wurde. Ein Taschentuch, zwei Wischer, ab in den Papierkorb. Das hätte unreinlicher werden können, hätte ich noch volles Haar gehabt.

Es ist eher eine Frage des Ekels, dass mir mein Hirn durch leichtes Pulsieren der Stelle noch über anderthalb Stunden nach dem Geschehen einreden will, dieser Bereich meines Kopfes sei von nun an völlig besudelt von verdauten Würmern. So ist er der Ekel. Dabei kam mir die Frage, wie groß denn die Wahrscheinlichkeit ist, dass solch ein Ereignis eintritt. Ich schätze, sie ist nicht sehr hoch. Der Nichtmathematiker in mir sagt, ich sollte deshalb das Lottospielen einstellen, denn mein Glück sei nun schon restlos aufgebraucht. Ich schließe daraus: Ich brauche mein Kopf nicht für Wahrscheinlichkeitsrechnung, daher ist er doch eher für den Zweck bestimmt, von Vögeln getroffen zu werden.

Gewissenswende

Vor zehn Jahren hätte es meine Unterschrift unter der Vereinbarung nicht gegeben, die ich heute unterschrieb. Ich weiß auch, warum ich nicht unterschrieben hätte. Dafür hätte damals ein Adjektiv zuviel Aversion bei mir ausgelöst. Der entscheidende Satz lautet:

Der christliche Glaube und die Menschenwürde sind Orientierungsgrundlage für ein freiwilliges Engagement im […]

Nun sitze ich hier und versuche mich in mein früheres Ich einzudenken. Mir fällt auf, es fällt mir zunehmend schwer. Ich habe mich in gefühlt kurzer Zeit stark verändert. In Bezug auf dieses Adjektiv war ich, milde ausgedrückt, intolerant.

Was hat sich im Laufe der Zeit getan, was sich im Kleinen gar nicht bemerkbar gemacht hat, aber nun wie ein deutlicher Bruch mit früheren Überzeugungen wirkt? In diesem Fall ahne ich, was den Ausschlag gab: Es geht um ein Ehrenamt, es geht um direkte Hilfe für Menschen, um wichtige Hilfe. So stehe ich vor der Wahl zwischen konkreter Hilfe und der Integrität einiger meiner Überzeugungen. Für mich fühlt sich das nicht nach einer Wahl an, Menschen zu helfen, ihnen Unterstützung zu geben, das ist wichtiger. Immer.

Und am Ende sind die Schnittmengen zwischen meiner Überzeugung und den vorausgesetzten Werten enorm, in diesem Projekt sogar nahezu deckungsgleich. Die Engstirnigkeit lasse ich also hinter mir. Veränderung fühlt sich gut an, da ist es fast schade, dass in diesem zitierten Satz ein Begriff nicht steht, den ich gerne auch noch unterschrieben hätte: Nächstenliebe.

Normalgewichtige Normalgewichtung

Wenn es denn schon heißt, dass die Adipositas die Europäer bis 2030 in eine Krise gestürzt haben wird, dann frage ich mich, was bis dahin normal sein wird. Nehmen wir mal als Beispiel ein paar Zeilen aus der Wirtschaftswoche:

Auch die Deutschen legen Pfunde zu, heißt es in einem WHO-Bericht. Demnach sind in manchen Ländern 2030 nur noch wenige normalgewichtig.

Soll also heißen, ab spätestens 2030 werden die übergewichtigen Menschen in diesem Land und Europa normalgewichtig sein? Demnach würde ich auch nicht mehr fürchten, dass Übergewichtige und Adipöse einem Stigma unterliegen werden, wie es in einer weiteren Stelle heißt:

Doch nicht nur gesundheitliche Probleme belasten die Betroffenen. Gerade stark fettleibige Menschen (BMI ab 35) sind zudem oft Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt […]

Wäre nicht eher zu fürchten, dass stark dürrleibige Menschen ab 2030 mit Repressalien rechnen müssen? Ich mag mich irren, aber was ist schon normal? Warten wir also gespannt auf die nächste WHO-Studie, die uns belegen wird, dass ab 2059 weltweit etwa 98 Prozent der Überalterten ab dem Lebensalter von mindestens 80 Lebensjahren eine höhere Sterblichkeitswahrscheinlichkeit haben als Normalalternde, die bloß 25 Jahre aufm Buckel haben.

Wohin mit der Streikwut?

Wenn natürlich die Wut schon schön politisch kanalisiert wird, sodass ein Grundrecht auf Streik als Last empfunden wird, ist die Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Solidarität ja schon vorbildlich vernichtet.

Über die Unannehmlichkeiten und Störungen auf einer persönlichen Ebene verärgert zu sein, das ist nicht das Problem. Mir ist es lästig, vielen anderen Menschen ist es lästig. Darüber Unmut zu äußern ist menschlich und auch nachvollziehbar. Es ist aber weniger wichtig, als es die Dringlichkeit des Streikrechts ist.

Von daher können die Menschen in Deutschland ab morgen ruhig ächzen und schnaufen. Sollten sie wütend werden, wünsche ich mir, sie würden reflektieren, wem sie mit ihrer Wut und dem Unmut helfen. Und würden sie erkennen, wem es hilft, würden sie auch erkennen, warum es im Sinne aller ist, sich mit anderen solidarisch zu zeigen.

Leider befürchte ich, es wird morgen die falschen treffen. Vor allem diejenigen, die morgen noch öffentliche Verkehrsmittel steuern, weil sie einen arbeitsrechtlich anderen Status haben oder einem nicht bestreikten Verbund angehören, sollten morgen nicht die geballte Wut abbekommen. Sie fahren doch. Und die anderen streiken. Womit? Mit Recht.

Inhärenter Unwert

Wenn ich viele der Kommentare höre zu dem tödlichen Burggraben Europas, dann wünsche ich mir selektive Gehörlosigkeit. Bis zur Fassungslosigkeit braucht es bei mir einiges: Es fängt mit Unverständnis an, geht über Entrüstung, Abscheu, Wut, Trauer, brutale Wut, Verzweiflung, Galgenhumor, Guillotinenhumor bis Waterboardinghumor hin zur Fassungslosigkeit. Wer diese erreicht, muss also einige Stationen nehmen. Und doch schaffen es viele der Zeitgenossen mit anscheinend spielender Leichtigkeit, alle Hürden zu überwinden, um mich mental mit ihrer gutbürgerlichen Menschenverachtung zu verletzen.

Mir hilft nur eines, um wieder Fassung zu erlangen, um mir vor Augen zu führen, woher diese Menschenverachtung kommt. Aus der Angst. Es ist die Angst der Besitzstandswahrer, die alles erreichte selbst erlangt, aber sämtliche Fehler nicht zu verantworten haben. Diejenigen, die Angst um ihr Hab und Gut haben, zu dem auch ihre Kinder gehören. Es sind die Lebensoptimierer, die das Leben aus Angst vor dem eigenen Untergang nicht leben, sondern verwalten wollen. Diese karrierebetrunkenen Ich-Kommunitaristen mit ihren hübschen Sparkonten, Aktienpaketen und Lebensversicherungen.

Woher kommt dieser Angstaffekt, der gleichgültig macht vor den Toten, den der Wohlstand produziert? Aus der inneren Furcht, dass Armut, Leid und Hunger ansteckend sein könnten. Sie beängstigt die Vorstellung, fremde Menschen könnten die Wertlosigkeit, die sie offenkundig haben, auf sie übertragen. Und so irrational viele dieser Ängste sein mögen, in dem Punkt haben sie recht: Mein, dein, unser, euer aller Leben ist genauso wenig wert, wie die der Menschen, die durch aktive oder passive Gleichgültigkeit sterben. Wenn die Besitzstandswahrer dann doch nur begreifen würden, dass ihr Wert nur steigt, wenn wir den der anderen Menschen anerkennen und steigern. Es ist unmöglich, Menschen abzuwerten, ohne sich dasselbe anzutun.